Der Glafälle im Eulenloch

Das Eulenloch in Bronnen ist ein geheimnisvoller Ort. Ein Geist soll in der Karsthöhle im Neufraer Tal sein Unwesen treiben. Der Geist ist der berühmt berüchtigte Glafälle. Er hat sich lange nicht mehr gezeigt, doch in den Köpfen vieler Bürger von Bronnen, Gammertingen und Neufra spukt er weiter.

Der Glafälle hat sich früher vor allem den Neufraern Zechbrüdern gezeigt, die in den Bronner Gaststätten einkehrten und zu vorgerückter Stunde durchs Neufraer Tal nach Hause gingen. Das weiß der Gammertinger Steinmetz Wilhelm Herre. Er erzählt auch die Geschichte von einem älteren Mann aus Gammertingen, der eine Freundin in Neufra hatte und sich mit ihr im Bronner Adler traf. Abends wollte er mit der Frau in den Nachbarort laufen. Die anderen gut gelaunten Gäste rieten davon ab, denn der Glafälle könnte ihnen ja was antun. Die beiden Söhne des Gastwirts bekamen die Frotzeleien mit. Sie schlichen davon, setzten große Hüte auf, zogen weite Kittel an und eilten dem Pärchen voraus zum Eulenloch. Als die beiden dann vorbeikamen, jagte der Glafälle ihnen einen gehörigen Schrecken ein.

Einer der in Respekt vor dem Geist im Eulenloch aufgewachsen ist, ist der Bronner Willi Götz. „Oft haben mich die Eltern vor den Glafälle gewarnt“, erzählt er. Doch als Kind sei er mindestens einmal pro Woche beim Eulenloch gewesen. „Der Platz vor der Höhle war unser Abenteuerspielplatz“, so Götz. Gesehen hätten die Kinder den Geist zwar nie, doch eine gewisse Faszination sei von dem Platz schon ausgegangen. Willi Götz ist jetzt Rentner und war seit Jahren nicht mehr beim Eulenloch. Doch nun bot sich ihm die Gelegenheit, das alte Kribbeln im Bauch wieder zu erleben. Zusammen mit dem SZ-Vertreter machte er sich an einem sonnigen Herbsttag auf den Weg zum Eulenloch. Zunächst ging die Fahrt auf geteerter Straße durchs Neufraer Tal, dann fuhren die beiden auf einem Forstweg weiter zum Eulenloch. Wie ein riesiges halb geöffnetes Auge guckte es sie an. In einer Oberamtsbeschreibung aus dem Jahr 1824 wurde der bogenförmige Eingang als Löwenmaul bezeichnet. In Bronnen spricht man hingegen von Eulenloch oder vom hohlen Felsen.

Kleine Höhle als Küche

Um an den Eingang zu gelangen, muss man einen steilen Hang hinunter steigen. „Ein bisschen mulmig kann einem da schon werden“, stellte der Zeitungsmann fest. Willi Götz sagte nichts über seine Gefühle. Aber er deutete auf eine kleinere Öffnung rechts neben der großen hin: „Als Kinder haben wir angenommen, hier ist die Küche der geheimnisvollen Bewohner des Eulenlochs.“ Im Inneren der 14 mal 15 Meter großen und acht Meter hohen Höhle ließ Götz sich fotografieren. „Davon habe ich kein einziges Bild“, sagte der heimatgeschichtlich Interessierte.

Er kennt auch die Geschichte von einem Arzt und einem Apotheker, die in früheren Tagen hier vorbeikamen. Zufällig sei ein Mann aus Bronnen bei der Höhle gewesen. Als er die beiden kommen hörte, fing er an, mit tiefer Stimmen zu rufen. Das soll ein ziemlicher Schrecken für die beiden gewesen sein. Götz hat auch ein Gedicht aus seinem Fundus ausgegraben. Das hat die Gammertinger Anna Jungwirth in den 1970er-Jahren für einen feierlichen Anlass gedichtet. Darin sei nicht nur vom Glafälle, sondern auch von einem anderen gefährlichen Geist die Rede, und zwar von Haka-Ma, dem Hakenmann. Der konnte mit seinem Haken Kinder in die Lauchert ziehen, wenn sie dem Flüsschen zu nahe kamen. Willi Götz lächelte: „Das waren damals die Erziehungsmethoden.“ Und er fügte hinzu: Den Glafälle könnten die Alten ebenfalls erfunden haben, weil der kürzeste Weg zum Eulenloch sehr steil und gefährlich ist.

Kaufmann hat ähnlichen Namen

Woher der Name kommt, weiß keiner mehr. Der Heimatkundler Botho Walldorf mutmaßt, dass er möglicherweise abgeleitet wurde vom Namen des wohlhabenden Kaufmanns Heinrich Clavel aus Trochtelfingen, der in Gammertingen Mitte des 18. Jahrhunderts mehrere repräsentative Häuser besaß, darunter auch das Alte Oberamt. Willi Götz sieht da jedoch keinen Zusammenhang, zumal die Schreibweise eine ganz andere sei.

Die Höhle hat im Laufe der Zeit auch ein gewisses wissenschaftliches Interesse geweckt. So gab es in der Nachkriegszeit eine Gruppe von jungen Höhlenforschern, die sich mehrfach hier umgesehen, aber nichts Wichtiges gefunden hat. Willi Götz hat die jungen Leute in guter Erinnerung, weil sie an Ostern in der Höhle immer Süßigkeiten für die Kinder versteckten. Eine Tafel des Albvereins weist bei der Höhle darauf hin, dass es Höhlenfunde aus den Jahren 1000 vor Christus geben soll. Wo die aber sein sollen, weiß Götz nicht. Eine Schutz bietende Aufgabe hat das Eulenloch am Ende des Zweiten Weltkrieges gespielt. Als die Franzosen kamen, haben sich in den ersten Tagen vor allem die Bronner Frauen und Kinder hier vorübergehend versteckt.

Am Tag des SZ-Besuchs im Eulenloch hat sich Glafälle nicht blicken lassen. Auch auf den Fotos ist nachträglich kein Nebelschleier oder eine andere Spur zu erkennen. Willi Götz findet es irgendwo schade, dass heute keiner mehr von dem Geist spricht. Manchmal würden Lehrer mit ihren Schülern einen Ausflug zum Eulenloch unternehmen. „Aber vom Glafälle erzählen sie den Kindern nichts“, sagt er bedauernd. Die Lehrer kämen meist von auswärts, und sie würden die alten Geschichten und Sagen nicht kennen. Es sei ruhig geworden um das Eulenloch

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