Wendlingen : Gräberfeld mit 118 Skeletten entdeckt

Wird man nach diesem Fund einmal von einem Schwert von Wendlingen sprechen? Bei den aktuellen Funden ist zumindest die Anzahl der Gräber eine kleine Sensation.

Wendlingen. Bei der Kampfmittelräumung während der Vorarbeiten zur ICE-Neubaustrecke Wendlingen–Ulm waren erste Schwertfunde zutage gekommen. Das wurde dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart gemeldet. Seither ist die Grabungsleiterin Dr. Inga Kretschmer mit weiteren Mitarbeitern und Helfern vor Ort. Was sie hier tatsächlich dann gefunden haben, hat alle Erwartungen gesprengt. „So einen Fund macht man nicht alle Tage“, sagt die Archäologin.

Die Funde stammen aller Voraussicht nach aus dem siebten Jahrhundert nach Christus, also frühes Mittelalter. Die Zeit müsse man laut Inga Kretschmer aber noch genauer bestimmen. Besonders erstaunt ist die Archäologin über die „sehr gut erhaltenen Knochen und Grabbeigaben“. Bis auf etwa fünf Gräber ohne Knochenerhaltung hatten sich in allen Gräbern Skelette befunden – vom komplett erhaltenen Skelett bis zu Skelettresten. Auch Kindergräber waren unter den 118 Grabgruben. Wie für diese Zeit üblich, waren alle Toten mit dem Kopf Richtung Sonnenaufgang begraben worden. Das durchschnittliche Sterbealter im Frühmittelalter lag zwischen 35 und 45 Jahren. Die Funde seien eine „große Überraschung“, sagt Kretschmer, die mit ihrem Grabungsteam wegen der Baustelle „Stuttgart 21“ unter hohem Zeitdruck stand.

Ganz anders auf der anderen Seite der Autobahn: Dort waren im letzten Jahr Reste eines römischen Gutshofs freigelegt und gesichert worden. Übrigens auch von Inga Kretschmer vom Referat 84.2, der Archäologischen Denkmalpflege in Esslingen. Hier war bekannt, dass sich dort ein römisches Badegebäude befindet. 1961 war es freigelegt worden. Bereits mehr als 100 Jahre davor hatte man Teile dieses Bades gefunden. Dass in den Äußeren Taläckern archäologische Kulturdenkmäler existieren, geschweige denn ein alemannischer Friedhof dieses Ausmaßes, war nicht bekannt.

Anfangs der archäologischen Grabungen vor etwa zwei Monaten wurden 40 Gräber freigelegt. „Dann wurden es aber immer mehr“, berichtet Inga Kretschmer. Auch Grabbeigaben wurden gefunden, da­runter Kurz- und Langschwerter (Sax und Spatha), Pfeilspitzen, vereinzelt Äxte bei Männern. Sowohl Frauen- als auch Männergräber enthielten Knochenkämme und Toilettenbesteck, Gürtelschnallen aus Bronze und Eisen. Die Frauengräber enthielten oft bunte Glasperlen und manche auch versilberte Scheibenfibeln, also Gewandnadeln, die Kleider und Umhänge zusammenhalten sollten. Solche Zugaben entstammten Gräbern von reicheren Personen, erläuterte Kretschmer. „Da sind sehr schöne Stücke darunter“, freut sie sich über die gut erhaltenen Funde.

Weitere Gräber sind hier laut der Archäologin allerdings jetzt nicht zu erwarten. Sogenannte Suchschnitte, Grabungen an verschiedenen Stellen, hätten dies belegt. Zutage gekommen sei dabei aber etwas anderes: ein bronzezeitlicher Graben. Die gesamten Ausgrabungen zeigen, dass hier sogar jede Epoche vertreten war: Jungsteinzeit, Eisenzeit, Bronzezeit, Römer, Frühmittelalter.

Wo ein Friedhof ist, muss es auch eine Ansiedlung oder ein Dorf in der Nähe gegeben haben. Davon ist Inga Kretschmer überzeugt. Bei den Ausgrabungen des römischen Gutshofes im vergangenen Jahr, keine 200 Meter Luftlinie von den jetzigen Grabungen entfernt, war sie bereits auf einige Nachweise gestoßen. So wurden Keramikscherben aus dem sechsten und siebten Jahrhundert und mehrere Hausgrundrisse von Grubenhäusern mit Holzpfosten freigelegt, die nicht zu den Römern passten und auch nicht näher zu bestimmen waren. Ob dies vielleicht Hinweise für eine spätere alemannischen Ansiedlung waren? Inga Kretschmer sagt vorsichtig dazu: „Das müssen wir in aller Ruhe erst einmal auswerten.“

Ihre Arbeit sei hiermit beendet. Das Grabungsteam habe alles he­rausgeholt, vermessen, fotografisch dokumentiert, beschriftet. Anschließend werden die Funde restauriert und wissenschaftlich ausgewertet. Wie der große Fund geschichtlich für diese Gegend einzuordnen sein wird, das müssen die Forscher jetzt herausfinden

Quelle : Teckbote 23.8.2016 – Jürgen Holzwarth