Als spät in der Nacht Repo und Rulaman nach der unglücklichen Renntierjagd vor der Tulka ankamen, trafen sie die Weiber in großer Aufregung vor der Höhle. Ara, der Liebling aller, war seit dem frühen Morgen verschwunden.

Wie gewohnt, war sie mit Tagesanbruch allein in den Wald gegangen. Während sie sonst nach wenigen Stunden zurückzukehren pflegte, war es heute Mittag, jetzt sogar Mitternacht geworden, und noch war sie nicht da. Alle denkbaren Möglichkeiten wurden erwogen. Sollte sie sich beim Kräutersuchen verirrt haben oder verunglückt, vielleicht über einen Felsen gestürzt oder einem Bären oder einem Wolf zur Beute gefallen sein? Oder war sie gar von Menschen geraubt worden? Da die Tulkas zurzeit mit allen Aimats in der Nähe in gutem Frieden lebten, so hätten nur die Kalats die Räuber sein können.

Doch war auch ein anderer, ein glücklicherer Fall denkbar. Vielleicht war sie Obu und den anderen Tulkamännern auf das Kaddefeld nachgegangen, um die großartige Kalatjagd mit anzusehen. Dann würde sie sicher mit diesem wiederkommen. Auch sie, die als Treiber an der Jagd teilgenommen hatten, waren noch nicht zurück. So bleib immer noch ein Hoffnungsschimmer, und alle suchten sich herbei zu beruhigen.

Die alte Parre schüttelte den Kopf und seufzte schwer: „Der Sokol hat den Sabliga geraubt, der Tulkarabe wird für den Sabliga kämpfen müssen. Es kommt alles, wie ich es ahnte. Der blutige Tanz fängt an. Doch nun tut uns Kunde von eurer Jagd. Erzähle du, Rulaman; deine frische Stimme tut meinen alten Ohren wohl.“

Rulaman erstattete ausführlichen Bericht. Als die Alte den Plan des Kalatfürsten hörte, die Renntiere über den Felsen zu jagen, ballte sie wütend ihre Fäuste und schrie: „Hat denn der schlaue Weiße in meinen alten Kopf hineingesehen und mir meine Gedanken daraus gestohlen? Wo ich die Kalats hinunterstürzen wollte, jagt der Mörder unsere armen Kadde hinunter! Ich muss einen anderen Plan aussinnen.“

Als Rulaman von dem grausamen Speerschuss Kandos erzählte, lachte sie: „Da seht ihr die harten Herzen unter den freundlichen, glatten Gesichtern.“ Wie sie dann endlich von dem traurigen Ende der Jagd, von der furchtbaren Niederlage der Kalats hörte, wie die Renntiere Hunde und Reiter zu Boden gerannt und sich gerettet hatten, da klatschte die Alte in die Hände und schrie, so laut es ihre heisere Stimme vermochte: „Bassa Kadde! Bassa Kadde!“ und fuchtele vor Vergnügen mit ihrer Krücke in der Luft herum. Endlich fasste sie sich wieder und wurde ernst. Ein anderer Gedanke kreuzte plötzlich ihren Sinn. „Was die Kadde verbrochen, müssen die Aimats entgelten! Auf euch wird die Wut der Kalats fallen. Bald werden sie sagen, ihr habt sie verraten und irregeführt. Aber war der Weiße nicht dabei, der Alte?“, fragte sie dann.

„Er war nicht da“, sagte Repo.

„O wie schade“, reif sie wieder höhnisch, „da hätten ihm sein schöner Zauberstab und seine Götter nichts geholfen! Schöne Jagd, gute Jagd! Zwölf Männer tot, zwölf Pferde tot, zwölf Hunde tot und nur sechs Kadde als Helden gefallen! Habt’s brav gemacht, ihr guten Kadde! Werden euch nicht mehr auf den Burafelsen treiben!“ Und wieder brach sie in ein lautes, schadenfrohes Gelächter aus.

Jetzt ertönte das Zeichen der ankommenden Männer vom Tal herauf. In heiterster Laune kamen sie an. Lustig erzählte Obu die ganze Jagd, die sie bei den Treibern mitgemacht hatten: Wie die armen Kalatjäger erst lange mit ihren Hunden hin und her gerast seien, bis sie die Renntiere in der voraus bestimmten Richtung in Gang gesetzt, wie plötzlich die wilden Pferde einher gesprengt und beinahe die Renntiere rückwärts mit sich fortgerissen, wie sie dann endlich die Hunde losgelassen und diese in der Tat mit wunderbarer Klugheit das Wild in der bestimmten Richtung getrieben hätten. Aber völlig wider Erwarten sei kurze Zeit nachher die ganze Herde der Kadde und der wilden Pferd in eiliger Flucht zurückgekommen, sonderbarerweise von wenigen Hunden gejagt. Bald darauf sei gar in rasendem Lauf noch ein einzelnes Renntier nachgerannt, einen Kalat auf dem Rücken, der sich an dem Geweih festgehalten und jammerwürdig geschrieen. „Wohin? Wohin?“ haben laut lachend seine Kameraden gerufen und das Tier aufhalten wollen, aber es sei davongerannt, den anderen nach, und wegen des Mannes darauf habe man nicht gewagt, zu schießen.

„Kaddereiter, Kaddereiter“, lachte die alte Parre dazwischen.

Voll Begierde, wie dies alles zusammenhinge, seien sie endlich erst spät nachmittags an der Ecke des Nufawaldes angelangt und bald darauf, nahe dem Burafelsen, auf dem Schlachtfeld selbst, wo die braven Kadde die Kalats so mutig in den Staub getreten. „Oder dürfen wir uns nicht freuen, Repo, weil ihr dabei wart? Doch ich sehe ja, ihr seid beide unversehrt davongekommen.“ So berichtete Obu.

„Waren noch Reiter dort“, fragte Repo, „als ihr ankamt?“

„Sie waren eben beschäftigt, die Toten auf die noch übrigen Pferde zu laden, um sie nach Hause zu schaffen. Ich zählte deren zehn, Verwundete seien es zweimal soviel gewesen. Auch acht Pferde und viele Hunde lagen tot herum. Da ist fast soviel Blut geflossen als dort im Turhain, freilich mehr Menschen- als Tierblut, denn ich sah nur sechs Renntiere tot, drei alte und drei junge! Wahrlich, ihr Leben ist euer bezahlt!“

Aufgeregt von den Anstrengungen und Erlebnissen der Jagd, hatte Obu alles dies rasch erzählt. Jetzt plötzlich rief er: „Aber wo ist Ara?“

„Hast du sie nicht gesehen auf der Kadde-Ebene?“, fragten die Weiber. „Sie ist am frühen Morgen in den Wald gegangen und noch nicht zurück.“

„Noch nicht zurück! Ara, wo bist du?“, stöhnte er, wie vom Blitz getroffen. Dann schrie er laut: „Sie ist geraubt, und ich kenne den Räuber!“ Er ergriff Speer und Steinbeil und wollte allein fortstürmen.

Rulaman hielt ihn zurück. „Ich gehe mit dir.“

„Nicht also“, rief Obu, „lass mich heute allein, ich finde sie. Ich weiß es.“

„Aber könnte ihr nicht im Wald ein Unglück zugestoßen sein?“, fragte Repo dazwischen. „Wir wollen alle zusammen den Wald durchstreifen.“

„Streift ihr durch den Wald, sucht sie unter den Felsen und in den Bärengrotten; aber Ara ist nicht im Wald, ihr werdet sie nicht finden; sie ist im Nufatal. Hört ihr sie denn nicht um Hilfe schreien? Ich rette sie oder räche sie, so wahr ich Obu heiße.“ Und fort rannte er in die finstere Nacht hinaus, den Berg hinunter, in der Richtung nach Mitternacht.

Bald nachher hörte man fernher, vom Tal herauf, die verzweiflungsvolle Stimme des Armen: „Ara! Ara!“ Nur das Echo der Felsschluchten gab ihm Antwort und rief wie spottend den teuren Namen zurück. Lange erschollen die Rufe, bis sie endlich, kaum noch hörbar, in weiter Ferne verhalten.

Ohne sich Rast zu gönnen, brachen auch die anderen Tulkamänner noch in derselben Stunde auf, um mit Fackeln den Wald zu durchsuchen, denn Repo selbst hielt es für unglaublich, dass die Kalats so verräterisch gehandelt hatten, nachdem sie ihnen bisher so freundlich entgegengekommen waren. Auch war es ja nicht selten, dass Frauen und Kinder, wenn sie sich zu weit von der Höhle entfernten, von Raubtieren angefallen wurden. Ara war mutig, sie ging nie ohne Messer aus. Vielleicht hatte sie mit einem Raubtier gekämpft und war irgendwo verwundet liegen geblieben.

Sie durchstreiften den Waldabhang nach dem Armital zu, wohin man sie zunächst hatte gehen sehen, dann der Halde des Gebirges entlang, talaufwärts nach Morgen, dann wieder hinauf auf die Alb und in weitem Umkreis an der Huhkahöhle vorbei, von Mitternacht her zurück. Tausendmal war der Ruf ihres Namens durch den stillen Forst erklungen, aber umsonst. Gegen Mittag am folgenden Tag kamen sie abgehetzt, ermüdet und niedergeschlagen wieder heim.

Obu erschien erst am dritten Tag wieder, blass, abgehärmt und ausgehungert. Auch er hatte nicht die geringste Spur seines Mädchens entdeckt. Der Schmerz und der Jammer ließen ihn nicht zur Ruhe kommen, und schon am anderen Tag war er wieder verschwunden. Niemand wusste, wohin er sich gewandt hatte.


Erzschild der Kalats