Es war ein langes, schweres Fieber, das der arme Kalatjüngling durchzumachen hatte. Der Sturz vom Felsen, der Beinbruch mit seinen Schmerzen, die schreckliche Nacht im Urwald mit ihren Ängsten, auch die wunderbare Rettung durch den tot geglaubten Rulaman und endlich die nächtliche Ankunft in der Staffa bei dem grausigen, alten Aimatweib – das alles wr zu viel für den zwar mutigen aber doch verwöhnten Fürstensohn.

In den ersten beiden Wochen war er selten klar. Sein Geist irrte in alten Erinnerungen. Lang und laut verkehrte er mit seinen Eltern, und Rulaman konnte tiefe Blicke tun in das warme Herz des jungen Weißen, wenn er mit zärtlichen Worten und inniger Liebe mit seiner längst verstorbenen Mutter, mit dem kürzlich gefallenen Vater sprach. Zwar war ihm die Liebe Kandos zu seiner Mutter weniger verständlich, da er die seinige schon in der ersten Kindheit verloren hatte; wohl aber gedachte er, wenn Kando mit Gulloch sprach, seines eigenen Heldenvaters. Immer fühlte er sich Kando gleichsam verwandt, und waren nicht auch sein und seines Kameraden Schicksal in der Tat einander ähnlich, stand nicht auch jener, verwaist wie er, fast allein in der Welt?

So ist es nicht zu verwundern, dass er immer sorglicher und liebevoller über dem Kranken wachte.

Dagegen konnte das Herz der alten Parre nicht mehr erweichen. Schon die Sprache Kandos war ihr zuwider, und sie verschmähte es, die wenigen Worte zu lernen, die für den täglichen Umgang nötig gewesen wären. Sie kümmerte sich nicht im geringsten um seine Pflege. Die ganze Sorge lag auf Rulaman, der froh war, wenn sie in ihrem unauslöschlichen Hass dem Kalat nichts zuleide tat, solange er zur Herbeischaffung von Nahrung und Holz abwesend sein musste.

Nur auf den Hund Kandos übertrug sie ihre Feindschaft nicht. Das gute Tier hatte seine anfängliche Abneigung gegen sie bald überwunden, und da sie es als alte Tierfreundin gerne fütterte und freundlich behandelte, so entspann sich bald eine merkwürdige Freundschaft zwischen beiden. Doch verließ der Hund selten den Platz neben seinem Herrn.

Fast einen Monat hatte es gedauert, bis Kando zum ersten Mal notdürftig mit Hilfe Rulamans hinauf in den Felsspalt gelangen und die Sonne wieder sehen konnte. Noch durfte er nicht daran denken, die Höhle zu verlassen. Doch welchen Genuss schöpfte Rulaman schon jetzt aus dem Umgang mit dem gebildeten Kalat! Nicht nur wurde ihm die Kalatsprache vollkommen geläufig, sondern er erhielt auch wunderbare Einblicke in das ganze Denen, zumal in die Götterlehre, in das Treiben und Tun dieses im Vergleich mit den Aimats so hoch gebildeten Volks.

Andererseits fand Kando bei Rulaman eine Fülle von Belehrung über das Leben der Aimats, und ihm erschien wohl kaum weniger erstaunlich die Klugheit, die Gewandtheit und Tapferkeit, mit der dieses Naturvolk mit den einfachsten Mitteln allen Bedürfnissen des Lebens zu genügen wusste.

Vor allem boten Kando die Werkzeuge der Aimats großes Interesse. Stundenlang schlug er sich dort oben in der Staffa Feuersteinmesser, Steinbeile und Steinsägen aus den von Rulaman herbeigeschafften Flintknollen, ohne freilich je die Gewandtheit seines Lehrmeister, der diese Kunst von Jugend auf getrieben hatte, zu erreichen.

Aufmerksam verfolgte auch die alte Parre diese Übungen, und öfters konnte sie wieder laut auflachen, wenn Kando ein Flintbeil, an dem er den ganzen Tag gearbeitet hatte, mit einem letzten, unglücklichen Schlag verdarb.

Auch die Sprache der Aimats wollte sich der Kalatjüngling zu eigen machen, um vielleicht doch noch, wie er zu Rulaman sagte, das Herz der Urahne seines Freundes zu gewinnen. Diese Sprache war im Grunde sehr einfach, eignete sich aber vortrefflich, um neue Worte zu bilden. Jeder beliebige Gegenstand, der eine in den Augen der Aimats bedeutende und hervorragende Eigenschaft besaß, vor allem jedes wichtige Tier und jede Pflanze, hatte seinen Namen. Dies waren die Stammwörter, meist einsilbige Laute, die Tiernamen oft nur eine Nachahmung ihrer Stimme. Die Zeitwörter aber wurden einfach durch Anhängung einer Endung von jenen abgeleitet. Wenn „Rut“ Laub bedeutete, so hieß „ruta“ grünen, frisch sein. „Mat“ hieß jedes tote Wesen, Mensch oder Tier, also etwa Leiche; so bedeutete „mata“ zur Leiche machen, töten. Ferner hieß „Krog“ der Krebs, daher „kroka“ kelmmen; „Pal“, der Fisch, „pala“ schlüpfrig sein und daher auch schnell entwischen. Die Mehrzahl aber wurde einfach durch Wiederholung des Wurzelwortes bezeichnet, zum Beispiel „Kla“, der Stern, „Klakla“, die Sterne, der Himmel überhaupt.

Diese Studien der Aimatsprache, wenn wir sie so nennen dürfen, die Rulaman mit Kando trieb, waren für beide Teile sehr ergötzlich, zumal wenn der erstere, auf seine geringen Kenntnisse gestützt, neue, noch unbekannte Aimatwörter bildete, zur großen Erheiterung von Rulaman und sogar der alten Parre. Für Kando hingegen war es sehr belustigend, die Zahlenreihe der Aimats, die er lange übte, plötzlich bei Fünfzig aufhören zu sehen und zu hören, dass alles Weitere „fünfzig und fünfzig“ sei.

So erwachten die beiden Freunde immer mehr zu neuem, munterem und frischem Leben. Wunderbar mag es geklungen haben, wenn sie, zusammen oben in der Felsspalte sitzend, der treue Hund zwischen ihnen, das Kalatlied, das Welda einst gesungen, und das Rulaman von Kando erlernt hatte, hoch über dem schneeglänzenden Armital in die frische Winterluft hinausjubelten, ein Gesang, der freilich dem unten umherstreifenden Stalpe wenig zu behagen schien, da er aus weiter Ferne schon mit jammervollem Geheul in die Strophen einfiel.

Die beiden Jünglinge schienen glücklich in ihrer Einsamkeit und sie waren es auch wirklich in ihrer innigen Freundschaft. Nur wenn Kando seiner Schwester gedachte, die ganz allein im Nufatal bei dem harten Druiden zurückgeblieben war und sich wohl um ihn, den Verlorengeglaubten, härmte, kam bitteres Heimweh über ihn. Er war so weit hergestellt, dass er schon wiederholt mit Rulaman zum Brunnen hatte gehen können, und – das fühlten beide, obgleich es keiner aussprechen wollte – der Tag des Abschieds nahte heran.

„O könntest du mit mir gehen“, sagte Kando einst, „wie glücklich wollten wir drei zusammen sein! Wie wollten wir als Brüder über unser Volk herrschen, denn du musst wissen, noch leben viele Aimatfrauen und Aimatkinder unter meinen Kalats. Aber freilich, du darfst deine Ahne nicht verlassen, und solange der Druide lebt, kannst du das Nufatal nicht mehr sehen. Aber ich werde die Staffahöhle nicht vergessen.“

„Und was willst du dem Druiden sagen, wo du die lange Zeit geblieben bist?“, fragte Rulaman.

„Ich werde ihm antworten, dass er das nie von mir hören wird“, erwiderte Kando fest. „Ich war sein Schüler und folgte ihm willenlos wie ein Kind. Nach des Vaters Tod hat er mich zum Fürsten gemacht, doch führte er allein die Herrschaft. Jetzt bin ich ein Mann geworden, wir ihr sagt. Ich danke es dir, nicht nur, weil du mich vom Tod gerettet hast, sondern weil ich an dir gesehen habe, was ein Jüngling vermag, wenn er will. Fortan werde ich selbst herrschen, und meine Kalats werden mir zur Seite stehen, denn sie lieben mich, und ihn fürchten sie nur. Nur einer wird mir fehlen, und das bist du. Aber ich werde dich zu finden wissen.“

„Der Druide wird dir seine Späher nachschicken, wenn du zu mir kommst, und sie werden die Staffa auffinden.“

„So werden wir uns an einem dritten Ort treffen.“

„Gut so. Ich werde dich begleiten und dich an einen Platz führen, den niemand so leicht entdecken wird, Dort wollen wir uns treffen, jeden fünften Tag, und uns zusammen freuen trotz des Druiden.“

„Und meine gute Schwester, darf ich sie mitbringen und ihr meinen Retter und meinen Bruder zeigen? Vor ihr habe ich kein Geheimnis.“

„Sage deiner Schwester, dass dreimal in meinem Leben mein Herz vor Freude gezittert hat. Das erste Mal, als ich den Speer erhielt, weil ich meinem Vater im Burriakampf das Leben gerettet hatte; das zweite Mal, als mein treuer Obu nach dem Bärenkampf die Augen wieder aufschlug; zum dritten Mal, als Welda uns das Kalatlied sang im Nufatal.“

Der Tag der Trennung wurde festgesetzt. Es war ein grauer Wintermorgen. Die alte Parre umarmte zum Abschied den Hund. Als ihr aber Kando die Hand bot, blickte sie ihn verwundert an und schüttelte ihren Kopf; dann fuhr sie plötzlich mit der Hand in ihre weißen Haare, raufte sich ein Büschel aus, hielt es Kando hin und reif laut: „Bring’ das dem Weißen, dem Druiden; sag’ ihm, dass die alte von der Eibe noch lebt und ihn noch hasst.“ Dann sank sie wieder in sich zusammen.

Rulaman und Kando tauschten zum Abschied ihre Bogen aus nach alter Aimatsitte. Dann wanderten sie still und traurig am Albrand hinüber, an der verödeten Huhkahöhle vorbei, in ein enges Tälchen hinein. Dort zeigte Rulaman seinem Freund mitten in einem dichten, kaum zugänglichen Jungholz einen hohen Felsen. Es war ein Bärenschlupf, derselbe, aus dem sie zu Ruls Leichenschmaus den Bären geholt hatten. Das sollte künftighin der Ort der Zusammenkunft sein. Dort trennten sie sich.

Als Kando auf der Höhe des Gebirges angekommen war, sang er eine Strophe des Kalatliedes von einem Felsen herunter. Rulaman antwortete ihm aus dem Tal, und bald erscholl auch das Geheul seines Wolfs, der sie von ferne begleitet hatte, und jetzt, da er den Hund nicht mehr zu scheuen brauchte, herbei sprang, seinen Herrn umarmte und in tollen Sätzen voraustrabte, der Staffa zu.

 

Kando und Welda – wer kann das Glück der beiden verwaisten Geschwister schildern, als sie sich wieder in den Armen lagen!

Sobald Kando im Nufatal angelangt, war der Hund ihm vorausgeeilt, hinauf zum Herrenhaus, als müsste er der Herrin Botschaft bringen. Und sie blickte herunter vom Hügel, sie erkannte den Bruder und flog ihm entgegen. Wie bleich, wie abgehärmt war das arme Mädchen! Sie hatte tausend Fragen und tausend Klagen. Endlich beruhigte sie sich etwas und hörte, Freudentränen im Auge, die seltsamen Erlebnisse ihres Bruders. Ihr allein teilte er alles mit. Jetzt holte sie Milch herbei, um ihn zu laben. Kando blickte durch das Fenster hinunter ins Tal. Plötzlich fragte er betroffen: „Wo ist denn die Leibwache? Warum steht das Herrenhaus so einsam und verlassen?“

„Der Druide hat ein eigenes Haus bezogen, droben auf dem Nufaberg, und die Leibwache für sich genommen“, erwiderte Welda. „Auch das Himmelsschwert und den Schild des Vaters hat er fortbringen lassen. Ach, ich fürchte, er freut sich nicht, wenn er dich wieder sieht. Als du an jenem Unglückstag nicht zurückkamst, verbot er mir, es dem Volk kund zu tun. Drei Tage lang lief ich in Todesangst um dich in den Wäldern umher, suchte dich und rief deinen Namen vom Morgen bis zum Abend. Da war meine Kraft erschöpft. Aber es wurde ruchbar im Volk, dass du fehltest, und nun ließ der Druide durch die Männer streifen. Als sie am achten Tag noch keine Spur von dir gefunden hatten, da feierte er droben auf dem Nufa dein Totenfest. Ein Knabe wurde geopfert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt an deiner Statt. Auch dein treues Pferd, das dich droben auf dem Kaddefeld aus dem Getümmel getragen, hat er einmauern lassen in deine Gruft, O, es war eine schauerliche Nacht, wie die Nacht des Belenfestes! Das ganze Volk schrie und jammerte laut um dich. Er hat mich gezwungen, dabei zu sein bei dem Leichenbrand. Er sprach viel zu mir und wollte mich trösten. Ein fremder Fürstensohn werde zu mir kommen und um mich freien, so wolle es Belen.“

„Da hat er wahr gesprochen“, unterbrach Kando seine Schwester, „ein fremder Fürstensohn wird einst um dich freien, und ich kenne ihn. Aber es ist nicht der, den der Druide meint. Welda, der Druide ist fortan mein Feind, das sehe ich. Ich stehe ihm im Wege. Aber ich habe es mir und meinem treuen Rulaman, der mir das Leben gerettet hat, gelobt: Ich will von nun an selbst herrschen. Noch heute gehe ich hinauf zum Druiden und tue ihm meinen Willen kund.“

Indes war die Freudenbotschaft, dass Kando zurückgekehrt war, schnell durch das ganze Tal gedrungen. Männer, Weiber und Kinder versammelten sich um das Herrenhaus, ihren jungen Fürsten wieder zu sehen. Kando trat hinaus unter sie, und jubelnd bewillkommneten ihn alle.

„Bringt mir ein Pferd, ich muss hinauf auf den Nufa“, rief er, und bald darauf ritt er in der Mitte der jauchzenden Menge den Zickzackweg zur Burg hinauf.

Lange war er dort allein mit dem Druiden zusammen. Als er das Haus verließ, blickte er ernst und trotzig drein. Er hatte das Schwert seines Vaters umgegürtet und dessen Schild in der Hand. Er bestieg sein Pferd, befahl der Leibwache kurz, ihm zu folgen, und ritt hinunter zu seiner Schwester. Während früher Kando fast jeden Tag einige Stunden bei dem Druiden zugebracht hatte, schien von diesem Tag an aller Verkehr zwischen ihnen abgebrochen. Niemand erfuhr, was er mit dem Druiden verhandelt hatte.

Täglich sahen jetzt die Kalats die beiden Geschwister, bald zu Fuß, bald zu Pferde, ausgehen vom Herrenhaus. Sie schienen fortan unzertrennlich. Kando hatte es streng verboten, dass ihm jemand folgte. Wir aber wissen, wohin sie jeden fünften Tag ihre Schritte lenkten, wie sehnsüchtig dort der treue Freund von der Staffa ihrer harrte und welche glücklichen Stunden die drei verlebten. Nie vergaß Welda, Milch, Brot und Käse in einem Körbchen für die alte Parre mitzubringen, und diese labte sich nachher herrlich an den köstlichen Speisen.

Das Frühjahr kam. Die Tage und die traulichen Besuche in der einsamen Felsengrotte wurden immer länger, und endlich wagten es die beiden Freunde, einen Wunsch, den Welda schon lange gehegt hatte, zu erfüllen. Sie wollte einmal die Urahne Rulamans, von der sie schon von Kando so viel gehört hatte, mit eigenen Augen sehen und dazu auch die Staffahöhle, in der ihr Bruder gepflegt worden war.

Der Tag wurde bestimmt. Rulaman hatte seine Felsenhalle zum festlichen Empfang des lieblichen Kalatmädchens prächtig verziert. Rings an den Wänden seiner Grotte hatte er Tannen aufgestellt, die das kahle Gewölbe mit ihrem freundlichen Grün deckten und die ganze Höhle mit würzigem Duft erfüllten.

Dann eilte er froh den Freunden entgegen und traf sie am Eingang ins Vaitatal, dort, wo Kando einst vom Felsen gestürzt war. Er zeigte Welda aus der Ferne den Eingang zur Staffa, einen dunklen Fleck hoch oben an der Felsstirn des Tulkabergs. Nun stiegen sie rasch bergan. Ohne Zagen, ja glücklich, ihren Mut zeigen zu können, trat die Maid auf den schmalen Grasrand, hart neben ihren Freund, der ihr zur Linken mit sicherem Tritt am Abgrund schritt. Flugs kletterte dieser die Baumleiter hinauf und reichte, sich weit herunterneigend, Welda die Hand. Schon war das kühne Mädchen oben. Als sie nun aber den dunklen Schacht hinab blickte, wurde ihr bang ums Herz und gern ließ sie sich von ihrem Bruder und Rulaman hinunter tragen. Doch als sie unten angekommen waren, schaute sie freudig um sich; es schien gar wohnlich in dieser Höhle, ganz anders, als sie sich’s gedacht hatte. Sie trat zur alten Parre, gab ihr die Hand und reichte ihr einen Strauß Waldblumen. Die Alte nahm ihre Hand, ja, sie nahm jetzt auch die Hand Kandos. Denn sie hatte von Rulaman gehört, dass der Druide Kandos Feind sei, und auf jenen vor allen hatte sich der Hass des alten Aimatweibes geworfen. Oder schlug etwas ihr Herz den beiden Geschwistern jetzt wärmer entgegen, weil ihr nunmehr klar geworden war, wie sich wohl die Weissagung, die sie und der alte Rul vor langer Zeit ausgesprochen hatten, erfüllen werde?

Erst spät am Abend kehrten die Fürstenkinder nach dem Nufatal zurück. Rulaman begleitete sie noch bis zu der bekannten Felsgrotte.