So wenig Lust und Mut zur Jagd auf den furchtbaren Höhlenlöwen die Männer mit Ausnahme Ruls und Repos bewiesen hatten, so leidenschaftlich war ihr Eifer, seit es sich um die Jagd auf einen Höhlenbären handelte. Denn der Höhlenbär, fast mehr noch als das Renntier und das Pferd, war das eigentliche Jagdtier jener Zeit.

Wohl zwei Drittteile der Knochen, die in den Höhlen Mitteleuropas im Lehm eingebettet gefunden werden, und die sich teilweise als Reste der Mahlzeiten jener Ureuropäer ausweisen, stammen von diesem mächtigen Bären. Aus den Skelettteilen kann man ganz sicher berechnen, dass er bis zu zehn Fuß lang wurde, also bedeutend länger als die größten Eisbären und der kalifornische Grislybär. Seine Schulterhöhe aber betrug nicht ganz fünf Fuß, bei dem Grislybären sechs Fuß bei neun Fuß Länge. Unser Höhlenbär erschien also, wenn er auf allen Vieren ging, ziemlich niedrig, aber außerordentlich lang. Wenn er sich aufrichtete, konnte er mit der Schnauze eine Höhe von etwa zwölf Fuß erreichen.

Man denke sich nun diesen Koloss aufrecht zum Angriff heran schreitend, ihm gegenüber den nur halb so großen Höhlenmenschen, – denn dieser übertraf den heutigen Europäer nicht an Größe – nur bewaffnet mit einem hölzernen Speer mit Knochenspitze und einer nicht einmal sehr schweren Feuersteinaxt oder Holzkeule. Ein einziger Tatzenhieb jenes Ungetüms musste den Menschen tot niederstrecken.

Dennoch freuten sich alle auf diese Jagd. Denn sie kannten die Natur des Bären so gut, wussten seine Angriffsweise, seine Schwerfälligkeit zumal im Umwenden, überhaupt sein träges, langsames Wesen so listig auszunutzen, dass sie sich ihm gegenüber stets im voraus ziemlich sicher als Sieger fühlten.

Dazu kam die Aussicht auf das leckere Mahl und auf die reichen Fleischvorräte, die sie für Weib und Kind mit nach Hause nehmen konnten, während sie vom Löwen, wohl aus Aberglauben, nichts aßen.

Auch war dieser Höhlenbär trotz seiner furchtbaren Größe und Stärke, solange er nicht angegriffen wurde, kein so schreckliches Raubtier, wie die größten unserer heutigen Bärenarten, besonders der Eisbär und der Grislybär es sind. War er aber einmal verwundet, so kannte seine Wut keine Grenzen. Dann ging er ohne Besinnen aufrecht auf den Jäger los und schlug ihn mit den Pratzen nieder oder erdrückte ihn mit den Armen. Dabei kletterte er so gut oder besser als der Mensch und holte ihn auch im Lauf, wenigstens bergauf, leicht ein.

Wo aber die Menschen ihn unbehelligt ließen, ging er ihnen regelmäßig aus dem Weg.

In der Tat weisen seine stumpfen, warzigen Zähne und seine kurzen Krallen sowie sein plumper Körperbau darauf hin, dass er mehr von Baumknospen, jungem Laub und sogar von Gras, Waldbeeren, Pilzen, wohl auch von Schnecken, besonders den großen Nachtschnecken, sich nährte, die auf allen Kalkgebirgen häufig sind, denen ja auch unser deutscher Dachs, bekanntlich ein Bär im kleinen, so eifrig nachgeht.

Vor allem aber war er ein großer Aasjäger. Zu diesem Zweck beging er Tag und Nacht in aller Muße sein weites Urwaldrevier, wo es an verendeten Tieren, großen und kleinen, selten mangelte, sofern keine Menschen in der Nähe wohnten. Sein Geruchssinn war so scharf, dass er die Beute überall leicht aufstöberte. Selbstverständlich behauptete er gegen die anderen Aasjäger jener Zeit, Hyänen, Wölfe, Füchse und Raben, sein strenges Vorrecht. Erst wenn er, der „Vater des Waldes“, sich gesättigt hatte, durften sie sich nahen.

Hin und wieder bestieg er auch einen starken Baum, um Honig und Vogeleier zu holen, auch Vogeljunge, wahre Leckerbissen für alle Bären wie für die ihnen nahe stehenden Affen.

Doch zurück zu Rul und seinen Leuten!

Das Gewitter war vorüber. Kein Blitz erleuchtete mehr die tiefe Finsternis. Rul hieß Feuer anmachen. Es war etwa Mitternacht. Allmählich verzogen sich die Wolken, und die freundlichen Sterne zeigten sich wieder am Himmel.

Dass der Bär getroffen, war klar, aber ob tödlich, oder ob er nur verwundet sich noch fortgeschleppt hatte und ihnen verloren gegangen war, das blieb eine bange Frage für sie.

Welchen Wert hätte für jenes Jägervolk der Hund gehabt! Aber dieses treueste Haustier kannten sie noch nicht, wie sie überhaupt keine Haustiere hatten. Sie waren ganz auf ihre eigene Spürkraft angewiesen. Dafür waren aber ihre Sinne, Auge, Ohr, Geruch, ihre Beobachtungsgabe durch den beständigen Aufenthalt im Freien und durch tägliche Übung so geschärft, dass es uns Häusermenschen schwer wird, uns eine richtige Vorstellung davon zu machen.

Horchend saßen Rul und sein Sohn auf dem Felsen, während die anderen wieder zu ihrer Arbeit am Baumstamm zurückgekehrt waren. Durch das Rauschen des nahen Wasserfalls hörte Rul deutlich ein Knistern im Laub und das Brechen dünner, dürrer Zweige. Dies konnte freilich auch von einer Hyäne herrühren. Jetzt vernahm er ein dumpfes Geräusch, wie wenn ein schwerer, weicher Körper rutscht oder sich reibt, sogar ein tiefes, langes Stöhnen glaubte er zu hören. War das etwa der letzte Atemzug des Bären? Das vermutete Rul umso mehr, als der Bär nur bei der ersten Verwundung laut aufgebrüllt hatte.

Endlich verschaffte ihm sein scharfer Geruchssinn die Gewissheit, dass der Bär noch unten sei. Der allen Bärenjägern wohlbekannte eigentümlich Geruch drang zu ihm herauf. Freudig sprang Rul auf und rief: „Rulaman, wir haben ihn noch. Bald muss der Mond aufgehen. Dann werden wir hinuntersteigen.“ Freilich, der Knabe hatte die ganze Zeit über mehr an seinen Wolf als an den Bären gedacht.

Indes war der Baumstamm an den Rand des Felsens geschafft worden, mit dem dicken ende voran, bereit zum Hinablassen.

Da ertönte von oben, von der Waldblöße her, ein heller Pfiff, dann ein zweiter, dritter, vierter, fünfter, die vier letzten schnell hintereinander. „Das sind der Angekko und die Huhkamänner“, sagte Repo, der dies Zeichen, gleichsam als Losungswort, dem abgesandten Boten angegeben hatte. Solche Zeichen waren bei den Aimats gebräuchlich, wurden aber, damit sie nicht etwa von Feinden nachgeahmt werden konnten, für jeden einzelnen Fall geändert.

Man schickte ihnen einen der Burschen entgegen, und lud sie ein, herunterzukommen. Jetzt erst erfuhr Rul zu seinem Ärger, dass man seinetwegen zum Angekko gesandt und um Hilfe für die Jagd gebeten hatte.

Obgleich der Tulka- und der Huhkastamm von alters her in guter Freundschaft lebten, so war doch dem geraden, ehrlichen Rul der schlaue Angekko im Innern zuwider. Er durchschaute den alten Uhu wie er ihn nannte, wohl und hatte wenig Glauben an seine Zauberkräfte. Daher hielten sich auch die Tulkabewohner in Krankheitsfällen lieber an ihre erfahrene, alte Parre. Aus Klugheit aber, die auch bei diesem Naturvolk schon eine Rolle spielte, vielleicht auch, weil der Angekko fast doppelt so alt war als er, begegnete Rul ihm doch immer freundlich und mit Achtung.

Langsam kamen die Leute näher, die Bachschlucht herunter. Voran der Tulkabote, einen brennenden Kienspan in der Hand, dann der Angekko in höchst merkwürdigem Aufzug, mit einem Gefolge von acht Männern. Feierlich, in langem, weißem Wolfspelz, trat er heran; hinter ihm mit dem Uhu ein Mann, der ihm auch ein schön gearbeitetes Steinbeil und einen Speer nachtrug. Der Angekko selbst heilt in der Rechten einen langen polierten, rot und schwarz gefärbten Stab, mit einer beinernen Spitze an dem einen und einem abgerundeten Griff aus Renntiergeweih am anderen Ende. In der Linken trug er einen gleichfalls fein geglätteten, aber nur fußlangen Geweihzinken, den er wie ein Zepter hielt. Um seinen Hals hing wohl ein Dutzend Ketten aus Tierzähnen, die seine ganze Brust bedeckten. Auf dem Kopf ragte ein kegelförmiger Helm aus Leder hoch empor. Er war rot bemalt mit verschiedenen schwarzen Linien und Figuren, unten mit einem schönen, breiten Marderpelz verbrämt und mit einem Riemen unter dem Kinn festgebunden. Sein Renntierrock war ein ausgesucht schöner, unten und am Hals, wie der Helm, mit Marderpelz eingefasst. Um seine Hüften trug er einen breiten Ledergurt, über und über mit den Unterkiefern des Kuders (Wildkatze) behangen, dessen feine, scharfe Eckzähne wie Perlen glänzten. Die Unterkiefer von dem sonst verachteten Tier wurden sorgfältig gesammelt; sie galten als Zaubermittel. Wenn der Angekko ging, rasselten sie zusammen und machten ein unheimliches Geräusch wie die Schwanzklappern einer Klapperschlange. Unten am Gürtel hingen viele kleine Beutelchen aus leder, in denen er seine Arzneimittel bei sich trug.

Er war von kleiner Statur, wohl einen Kopf kleiner als die übrigen Männer. Aber der hohe Helm verlieh ihm eine die andern sogar etwas überragende Höhe.

Lange, weiße Haare, denn der Mann war alt, fielen auf den Nacken und die Schultern herab. Auch war ihm das Gehen offenbar etwas schwer. Daher beteiligte er sich an der Jagd und an Kriegszügen schon seit langem nicht mehr und trat seine Häuptlingswürde für diese Fälle einem jüngeren Mann ab. Aber noch vollkommen aufrecht und mit Würde schritt er jetzt einher, und Rul musste es, nach des Zaubervaters Meinung, wohl für eine große Gnade halten, dass er seinetwillen diesen weiten Weg bei Nacht zurückgelegt hatte.

Mit tiefer Ehrfurcht begrüßten ihn die Tulkamänner. Sie knieten vor ihm nieder und legten dabei als Zeichen der Untertänigkeit die linke Hand auf ihren Kopf. Er murmelte den Leuten etwas wie einen Gruß zu, wobei er mit dem Stab einen Halbkreis über ihnen in der Luft beschrieb.

Rul stand etwas ferner und nahte sich langsam, seinen Sohn an der Hand. Der Angekko streckte ihm seine Knochenzepter entgegen. Rul ergriff es einen Augenblick und gab es ihm dann zurück. Das war die Begrüßungsform und zugleich eine Freundschaftsversicherung der Häuptlinge. Offenbar aber war jener erstaunt und etwas verblüfft, dass Rul scheinbar so gesund einher schritt. Er fragte ihn nach der Wunde; Rul deutete auf seine Brust. Der Angekko hieß ihn sich niederlegen, öffnete den Verband und untersuchte lange und ernsthaft die Wunde. Er legte sein Ohr an Ruls Brust, um den Herzschlag zu prüfen und schüttelte bedenklich sein Haupt. Dann nahm er aus einem der Beutelchen an seinem Gürtel ein braunes Pulver, streute es in die Wunde, und, indem er mit seinem Knochenzepter darauf herumstrich, sagte er feierlich: „Wann dreimal der Mond eine Kugel geworden, ist die Wunde heil.“

Während Rul noch am Boden lag, war der Mond aufgegangen. Dies machte ihn sehr unruhig. Doch dachte er dabei nicht an seine Wunde und deren Heilung, sondern nur noch an den Bären.

Sofort eilte er an den Felsrand, aber der Mond schien nicht hinunter in die Tiefe.

Ob es nun die Aufregung des Wundfiebers war oder die Furcht, die Huhkamänner könnten ihm und seinen Leuten zuvorkommen, oder ob er glaubte, dass der Bär schon tot sei, Rul fasste plötzlich den tollkühnen Entschluss, jetzt in der Nacht, trotz seines gelähmten Armes, hinab zu steigen. Sofort gab er Befehl, den Baum über den Abgrund hinunterrutschen zu lassen. Der Baum hatte kaum die nötige Länge, um unten aufzustoßen. Um ein Hin- und Herschwanken zu verhüten, wurde er oben an Seilen von vier Männern festgehalten.

Jetzt ergriff Rul eines der brennenden Holzstücke und gab es Repo in die Hand. Er selbst nahm eine Steinaxt in die Linke, bedeutete Rulaman, bei dem Angekko zu blieben, und rief: „Wer Lust hat, folge mir!“ Er schwang sich über den Abgrund und begann hinunter zu steigen, unmittelbar hinter ihm Repo. Keiner wollte zurückbleiben, und einer nach dem anderen kletterten sie hinab.

Rul war etwa zwei Drittel hinunter, nur noch ungefähr sechzehn Fuß vom Boden, da hieß er Repo die Fackel schwingen, und nun sahen sie den großartigen Erfolg ihrer Jagd.

Der mächtige Burria lag tot, seiner ganzen Länge nach, hart am Felsrand. Offenbar hatte er sich nach seinem furchtbaren Sturz gar nicht mehr gerührt. Der mächtige Bär aber saß etwa zehn Schritte seitwärts auf seinen Hinterpranken. Er lehnte sich an einen dicken, alten, bemoosten Baumstunk, an dem er vermutlich die Pfeile und Wurfspieße abgerieben hatte. Mit starrem, dummem Blick stierte er die Fackel an. Rul zögerte einen Augenblick; er hatte gehofft, ihn tot zu finden; jetzt sah er, dass das furchtbare Tier nur leicht verwundet war, und durchschaute schnell die grässliche Gefahr für sich und seine Leute.

„Hinauf! Zurück!“, schrie er aus Leibeskräften den Männern zu, die über ihm, einer hart hinter dem anderen, den Baumstamm umklammert hielten. Jetzt erst dachte er daran, dass ihm der eine Arm zum Kampf fehlte, wenn er sich mit dem anderen festhalten musste.

In der Tat erhob sich der Bär und schritt langsam, offenbar mit Schmerzen, dem Baumstamm zu. Rul sah, dass er den linken Vorderfuß schleppte. Das gab ihm einen Hoffnungsschimmer, denn das Tier konnte nun wenigstens nicht klettern. Jetzt war der Bär unten am Baumstamm angekommen, und sei es, dass die Männer Ruls Befehl „Hinauf! Zurück!“ wegen des rauschenden Wasserfalls nicht verstanden hatten oder dass oben ein Hindernis eingetreten war, weder Rul noch Repo konnten von der Stelle, denn unmittelbar über dem Kopf Repos befand sich noch sein Hintermann.


Der Höhlenbär

Der Bär richtete sich an dem Stamm auf. Beinahe so hoch wie zwei Männer stand er da und glotzte das Licht an. Seine linke Pratze hing lahm herunter, die rechte aber streckte er hoch empor. Beinahe konnte er Ruls Füße erreichen. Er tastete an dem Baum herum. Die Männer am Baumstamm stießen alle einen Schrei aus, denn der Baum wankte hin und her, fiel aber glücklicherweise nicht um, weil er oben von den Huhkas gehalten wurde.

„Beuge dich herunter und halte mich fest um den Hals!“, rief Rul in seiner verzweifelten Lage Repo zu. Gesagt, getan. Rul wurde festgehalten und hatte den linken Arm frei. Da umfasste der Bär mit seinem rechten Arm den Baum, um ihn herunterzureißen. Schon sauste auch Ruls Steinaxt auf seine Pratze nieder. Brüllen vor Schmerz und Wut stürzte das Tier, das nun ganz hilflos geworden war, nach der Seite über und riss im Fallen den Baum mit sich hinunter. Der Last des Bären waren die Männer oben nicht gewachsen gewesen und hatten die Seile gehen lassen.

Glücklicherweise rutschte der Baum nur langsam and er Felswand hinab; das große Gewicht des Bären drückte ihn an den Felsen, was ein rasches Fallen unmöglich machte. So kamen die Männer, die noch am Baum hingen, alle wohlbehalten unten an, indem sie, ehe der Baum ganz zur Erde stürzte, hinunter sprangen.

Die beiden Ungetüme lagen jetzt hart beieinander, der Burria tot, der Höhlenbär, der ihm an Größe beinahe nichts nachgab, brüllend und hilflos sich wälzend, daneben.

Rul atmete auf und brach unwillkürlich in lauten Siegesjubel aus.

Der kleine Rulaman hatte oben auf dem Felsrand liegend mit klopfendem Herzen alles beobachtet. Mit keinem Laut verriet er seine furchtbare Angst um den Vater. Aber als er dessen Stimme erkannte, zitterte er vor Freude und rief laut hinunter: „Rulaba, Rulaba, lebst du noch?“

„Wir sind alle gesund“, schrie Rul aus der Tiefe hinauf.

„Kann ich nicht hinunter kommen?“, rief Rulaman entgegen. Er erheilt keine Antwort. Rul hatte anderes zu tun.

Keiner hatte in den ersten Augenblicken der Freude daran gedacht, dem stöhnenden Bären vollends den Todesstreich zu geben. Als Repo die Fackel, die nur noch einen dunklen Schein verbreitete, durch Schwingen wieder zum Aufflammen brachte, sahen sie zu ihrem Schrecken das Tier aufrecht auf dem Löwen sitzen. Mit wenigen Sätzen sprang Rul auf den Löwen und hieb dem Raubtier mit ganzer Kraft sein Steinbeil von der Seite in die Schläfe.

Mit dumpfen Todesröcheln stürzte der Bär über den toten Löwen hin.