Rul war etwa hundert Schritte im Wald gegangen, als er vom Pfad ab nach links in das Dickicht einbog. Er hieß die anderen Männer warten und nahm nur Rulaman an der Hand mit sich. „Hier steht ein Burriabaum,“ sagte er und zeigte ihm eine mächtige, dicke, einzeln im Tannenhorst stehende Lärche. „Siehst du die langen, tiefen Gruben? Hier wetzt ein Burria seine Krallen schon seit vielen Jahren. Und hier ist Rinde frisch gekratzt. Er war vor kurzem hier. Wir müssen auf unserer Hut sein.“ Dann fuhr er ernster fort: „Ich werde alt, und noch lebt der Mörder meines Vaters. Werde ich ihn finden? Oder muss ich die Rache dir überliefern?“

„Hat der Burria keine Höhle?“, fragte Rulaman.

„Der Burria hat hundert Pfade zum Jagen, hundert Quellen zum Trinken, hundert Höhlen zum Schlafen,“ versetzte Rul ernst, „und die Kraft von hundert Männern zum Kämpfen.“ Und damit ging er mit Rulaman zu seinen Brüdern zurück.

Nach einer Stunde Wegs durch den dunklen, einsamen Föhrenwald traten sie auf einen kleinen freien Rasenplatz heraus, der rings von Wald umgeben war, und über den ein klarer Bach nach einer Schlucht hinabrieselte. Es war jetzt fast Tag. Knietief wateten die Männer durch hohes, taunasses Gras am Bach hin. Plötzlich stand Rul, wie vom Blitz getroffen, still. Da lag, nur wenige Schritte von ihnen entfernt, ein zerrissenes, noch blutendes Pferd. „Der Burria, der Burria!“, flüsterten die Männer leise und ängstlich. Sofort hatten sie alle erkannt, dass nur ein Höhlenlöwe, ihr furchtbarster Feind, diese Beute gemacht haben konnte und hier hatte liegen lassen. Ein Höhlenbär hätte sie mit fortgeschleppt in seine Grotte.

Rul wandte sich nach den Männern um. Kampfeslust strahlte in seinen Augen. Für Fleisch zur Nahrung hatte der Löwe gesorgt, jedoch ihm galt es mehr. Rulaman aber zitterte vor Freude, und „Burria, Burria“ flüsterte er vor sich hin. Wie oft und wie viel hatte ihm die alte Parre von diesem seltenen Ungetüm erzählt, das seinen Großvater einst gemordet hatte. Nie hatte er einen gesehen. „Wo ist er, wo ist er?“, so drängte er sich fragend an einen der Männer.

Eine breite Spur führte durch das hohe Gras nach der dunklen Waldschlucht hinab, eine andere, noch viel breitere, hinein in den Wald. Auf letzterer hatte offenbar der Löwe seine Beute hierher geschleppt, hier am Bach, wie die Löwen es lieben, verzehrt und dann nach der Schlucht sich zurückgezogen. Ja, sogar seine frische Fährte fanden sie. Nicht weit vom Pferd war an einer Stelle das Gras abgekratzt oder abgetreten und die Erde bloßgelegt, ohne Zweifel von den Hufen dieses Tieres, das erst hier vollends getötet worden war. In die weiche Erde war eine Fährte des Löwen tief eingedrückt. Sei war fast kreisrund und maß beinahe einen Fuß im Durchmesser. Eine Bärenfährte wäre länglich eirund gewesen, mehr der des Menschen ähnlich.

So war jetzt den Männern kein Zweifel mehr.

Aber sollte man den Löwen verfolgen? Nicht alle waren dieser Meinung; das sah man an ihren ängstlichen Mienen.

„Er hat sich satt gefressen und satt getrunken, er schläft,“ flüsterte Rul. „Auf, ihm nach! Endlich haben wir ihn, den Mörder unseres Vaters! Denkt an die alte Parre. Keiner wird zurückbleiben!“

Tief sich bückend, fast kriechend wie eine Katze, schlich er auf der Spur des Löwen dahin. Nur Rulaman und drei Männer folgten ihm. Rul wandte sich um, sah die ängstlich Zurückgebliebenen und bemerkte jetzt erst seinen mutigen Knaben. Zornig und voll Verachtung blickte er jene an, ergriff dann seinen Knaben bei der Hand, drückt eise zärtlich, gab ihm aber zugleich ein Zeichen, zurückzugehen zu den anderen.

Hoch klopfte das Herz des Jungen, aber ohne Murren gehorchte er, und mit angehaltenem Atem stand er dort und blickte seinem Vater und den Männern nach.

Noch einmal wandte sich Rul um und machte ein Zeichen mit beiden Händen nach oben. Sofort stiegen alle Zurückgebliebenen, auch Rulaman und die Burschen, auf eine hohe, alte Föhre, die in der Nähe stand, mit dicken Ästen, die fast bis auf den Boden herunterreichten.

Indes waren die vier Männer in der Felsschlucht verschwunden. Eben stieg die Sonne wie ein feuriger Ball am Himmel herauf. Unwillkürlich, dabei aber immer seine großen schwarzen, leuchtenden Augen nach der Schlucht gerichtet, flüsterte Rulaman die paar Reime des Morgengrußes an die Sonne, die er so oft von seiner Urahne vernommen.

Da plötzlich hörte man ein donnerähnliches Gebrüll, das schauerlich aus der Waldschlucht herauftönte, und gleich darauf den herzerschütternden Angstschrei eines Menschen.

„Mein Vater, mein Vater!“, schrie Rulaman erschreckt, glitt blitzschnell vom Baum herab, ergriff Steinaxt und Bogen und rannte hinunter in die Schlucht.

Keiner der anderen wagte sich zu rühren; „Rulaman, Rulaman!“, reifen sie ihm nach; aber schon war er ihren Blicken entschwunden.

Kaum war der Knabe einige hundert Schritte das felsige Rieß hinabgestürzt, erblickte er zwei von den Männern, die seinem Vater gefolgt waren, atemlos den Berg herauf ihm entgegen rennend. Schon von fern riefen sie ihm zu: „Zurück! Der Burria, der Burria!“ Aber er hörte nicht. Kampfwütig und voll Angst um seinen Vater stürzte der Knabe weiter. Schon nach wenigen Schritten sah er links vom Bach am Fuß einer hohen, senkrechten Felswand das Ungetüm, mit Pfeilen bespickt, aber noch fest aufrecht stehend, und unter seinen Vordertatzen einen Mann, regungslos, wie tot, in der rechten, hochgehobenen Hand eine Steinaxt. Er erblickte den weißen Wolfspelz. Es war sein Vater. Wie ein Falke auf seine Beute schoss er in langen Sätzen den Rain hinauf und war zur Stelle neben dem Löwen.

Ruhig, ohne seiner zu achten, peitschte das Raubtier mit dem Schweif seine Flanken, die glühenden Augen starr und wütend auf einen gegenüberstehenden Baum gerichtet. Dort saß der dritte Mann, ohne sich zu rühren.

„Rulaba, Rulaba!“, schrie und schluchzte der Knabe, und dabei schlug er auch schon wütend in wahnsinniger Verzweiflung mit seiner kleinen Feuersteinaxt von der rechten Seite her nach den Schläfen des Tieres, die er eben erreichen konnte, denn so hoch war das Ungeheuer.

Brummend schüttelte dieses seinen buschigen Kopf. Als der brave Junge nicht nachließ, drehte es sich plötzlich um und hieb nach ihm mit der breiten Tatze, wie um eine Fliege abzuwehren. Doch vergeblich. Denn schon war Rulaman unter dem Löwen hindurch nach der anderen Seite geschlüpft.

Bei der Bewegung des Tieres war der alte Rul, auf dessen Brust die rechte Pratze des Löwen gestanden hatte, frei geworden. Im Nu raffte er sich auf. Mit zerrissener Schulter, über und über mit Blut bedeckt, sprang er nach links, packte seinen Knaben mit dem linken Arm und rannte vorwärts der Felswand entlang, einem Gebüsch zu.

Im gleichen Augenblick sauste schwirrend ein Pfeil vom Baum herab, dem Löwen in den Hals. Denn nur darauf, wann er endlich ohne Gefahr für den Bruder schießen konnte, hatte der Mann auf dem Baum gewartet. Diesmal schien der Löwe gut getroffen; er brüllte fürchterlich, zitterte am ganzen Leib, ein Blutstrom stürzte aus seinem Rachen und er sank röchelnd in die Knie. Dann überschlug er sich dreimal und kollerte endlich, eine Menge Steingeröll mit sich wälzend, den kleinen Rain hinab in den Bach.

Noch klammerte sich Rulaman, zitternd vor Aufregung, an seinen blutenden, schwer verwundeten Vater, der ihn herzte und küsste. Rul hatte sich hinter einen Busch niedergelassen. Weder er noch sein Sohn hatten das Tier fallen sehen. Erst das Geräusch der rollenden Steine machte sie darauf aufmerksam.

Indes war auch der Mann, der den letzten Pfeil gesandt hatte, vom Baum heruntergeklettert und rannte zu dem Tier, Rulaman ihm nach. Regungslos lag das Ungeheuer auf der Seit eim Bach, und dieser färbte sich rot von seinem Blut.

Noch waren die beiden nicht bei ihm, da erhob es, wohl von dem kalten Wasser aus seiner Betäubung aufgeweckt, langsam den Kopf, richtete sich auf die Vorderfüße und schüttelte sich. Und jetzt, mit einer mächtigen Kraftanstrengung, stand der Löwe wieder aufrecht, blickte zu dem Felsen, wo der Eingang in seine Grotte war, und ohne sich weiter um die zurück fliehenden Menschen zu kümmern, wankte er mit zitternden Schritten die kleine Halde hinauf und verschwand im Dunkel der Höhle.

Rul war schwer verwundet; alle Pfeile und Wurfspieße waren verschossen, und so mussten die Männer sich zum Rückzug entschließen, mit der Hoffnung allerdings, den Löwen später tot zu finden oder vollends leicht erlegen zu können.

Der kleine Held auf der einen, der unverwundete Mann auf der anderen Seite, so führten sie den todesmatten Häuptling durch die Schlucht hinauf zu der Stelle, wo das tote Pferd lag.

Alles dies war in kürzester Zeit vor sich gegangen. Noch saßen die anderen in banger Erwartung auf ihrem Baum.

Kaum oben angekommen, sank Rul, vom Blutverlust erschöpft, in das tiefe Gras neide rund schloss die Augen. Rulaman, der neben dem Vater in die Knie gesunken war und in sein bleiches Angesicht starrte, stieß einen herzergreifenden Schrei aus; er glaubte, der Vater sterbe. Aber man bedeutete ihm, dass er nur schlafe.

Nun wuschen die Männer sorgfältig seine Wunden aus. Es waren furchtbare Risse, oben an der rechten Brust, nahe der Schulter, fünf nebeneinander, von den scharfen Krallen des Raubtiers herrührend. Immer noch rieselte das Blut. Um es zu stillen, pressten die Männer einen getrockneten Pilzschwamm darauf, den sie zu diesem Zweck auf ihren Jagdzügen immer mit sich führten. Dann banden sie noch große, breite Blätter von Mondraute und endlich einen Bausch von Farnkräutern auf die Wunden.

Sie machten ihrem Häuptling ein weiches Mooslager im Schattend er großen Fichte, zogen den bewusstlosen Mann darauf und bedeckten ihn mit Tannenzweigen. Rulaman legte sich an seiner Seite nieder, und blad schlief auch er, von Kummer und Aufregung erschöpft, ein.

Jetzt berieten die Männer, was weiter zu tun wäre. Den Häuptling zurückzulassen und ohne ihn die Jagd fortzusetzen, davon konnte keine Rede sein. Also zurückkehren? Dann war die herrliche, sichere Beute so gut wie aufgegeben. Zudem schien es schwer, den ohnmächtigen Mann meilenweit nach Hause zu tragen. Man beschloss also, nach Hilfe auszusenden, Hilfe für den Verwundeten, Hilfe auch für die vollständige Erlegung des Burria.

Aber zu Hause in der Tulka waren nur noch Weiber und Kinder.

Alle blickten nach Repo hin.

Repo hieß der jüngste der Brüder Ruls, sein Liebling. Er war es auch, der allein bei ihm ausgehalten, als der Burria ihn niedergeworfen, und der den letzten Pfeil au fden Löwen gesandt hatte.

„Wir müssen nach dem Angekko in der Huhkahöhle schicken,“ sagte Repo, „wenn irgendeiner, kann er unseren Bruder heilen und Leute zur Hilfe bringen.“

Alles schwieg still.

„Ich werde selbst hingehen und ihn holen. Haltet treue Wache bei Rul und Rulaman. Gegen Mitternacht, spätestens gegen Morgen, kann ich mit Hilfe zurück sein.“ Aber davon wollten die anderen Männer nichts hören. Wenn Rul fehlte, war Repo stets ihre Führer gewesen. Er musste auf alle Fälle bleiben.

Wer sonst aber sollte den gefährlichen, weiten Weg allein durch den finsteren Wald unternehmen?

Keiner der anderen erbot sich freiwillig.

„So muss das Los entscheiden,“ sagte Repo. Er holte vier kleine Kiesel vom Back, schwärzte einen derselben mit einer Kohle, warf sie in einen leeren Köcher und ließ die Brüder ziehen. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, erhob sich der, den der schwarze Stein getroffen hatte, und verschwand in der Richtung nach Norden im Waldesdunkel.