Die Häuptlingswürde bei den Aimats war in der Regel erblich, jedoch nur dann, wenn der Sohn des Häuptlings durch Verstand, Mut und Kraft die Würde verdiente. War dies nicht der Fall oder war kein Sohn vorhanden, so traten nach dem Tod des Häuptlings die Männer zusammen und wählten den Tüchtigsten.

Dass Rulaman nach Rul dessen Stellung einnehmen sollte, schien seit der Burriajagd entschieden. Auch liebten ihn alle seine Kameraden, zu denen er sich immer noch, trotzdem er den Speer erhalten hatte, mit Vorliebe gesellte. Nur einen wurmten die Ehren, die Rulaman genoss. Es war der Bursche, der jeden Abend zum Tanz die Trommel schlug, Obu mit Namen. Vier Jahre älter als Rulaman, war er der nächste gewesen, der den Speer erhalten und „Mann“ werden sollte. Nun war ihm Rulaman zuvorgekommen, und der strenge Brauch wollte es, dass ihm alle Speerlosen (so nannte man die Jüngeren im Gegensatz zu den Männern) zu gehorchen hatten.

Dies schien Obu, der selbst auch ein wackerer, mutiger und starker Jüngling war, fast unmöglich, und oft kränkte er Rulaman mit bösen Worten.

Es war Herbst. Die Tulkas waren vor Wochen schon, reich mit getrockneten Fischen beladen, in ihre Berge zurückgekehrt. Die schönen Beeren des alten Eibenbaumes waren indes rot geworden und leuchteten freundlich aus dem dunklen Nadelgrün hervor; schon knarrten die Äste im kalten Herbstwind. Die Sonne schien noch hell und klar durch die kahlen Baumwipfel herein, aber ihre Strahlen hatten keine Wärme mehr.

Die Jugend spielte auf dem Platz vor der Höhle, wenn man ihre Übungen, die stets auf den späteren Ernst des Lebens vorbereiteten, Spiele nennen darf.

Aus dem Felsen hoch über dem Eingang in die Tulka ragte ein alter Baumstrunk hervor, mannsdick und auch von der Höhe eines Mannes. Man hatte ihm künstlich einige Formen gegeben. Ohne Mühe konnte man einen plumpen Bären darin erkennen, der aufrecht, den Kopf nach unten gesenkt, am Boden saß und eine Pratze in die Luft hinausstreckte. In der Brustgegend sah man einen Handgroßen schwarzen Fleck. Das war die Zielscheibe. Der Bär musste schon oft dazu gedient haben, denn er war sehr zerfetzt und zersplittert.

Lange hatten die Jugend nach dem Bären geschossen, erst mit Pfeilen aus Haselnussgerten mit Feuersteinspitzen, dann mit kleinen Wurfspießen aus dem zähen Hainbuchenholz. Keiner fehlte das Tier, das am Ende ganz mit Pfeilen und Speeren bestickt war. Aber noch keiner hatte den schwarzen Fleckt getroffen, der das Herz vorstellen sollte.

Indes hatte Rulaman neben der alten Parre gesessen, der er gerne oft stundenlang zuhörte.

„Rulaman“, rief jetzt neckend Obu, „der Änak lebt noch immer, und ein Häuptling fehlt nie!“

Der Herausgeforderte erhob sich schweigend und holte aus de rHöhle seinen guten Eibenbogen, der höher war als er selber. Er legte an, schoss, und tief bohrte sich die Steinspitze des Pfeils in das schwarze Herz des Bären.

„Bassa Rulaman!“, jubelten die Jungen freudig. Obu schwieg.

Jetzt begann ein anderes Spiel.

Obu nahm ein langes Seil aus Waldreben mit einer Schlinge am Ende, schleuderte es geschickt über den Kopf des Holzbären, kletterte daran hinauf und warf Pfeile und Wurfspieße herunter.

Einer der großen Äste der alten Eibe war in Höhe von etwa sechs Mann quer über den Rasen hin nach der gegenüber am Abgrund stehenden Eiche zu gewachsen. Über diesen Ast warf Obu von dem Bären aus, auf dem er saß, sein Seil, dessen Schlinge noch am Kopf des Bären festhielt. Das andere Ende hielten die Knaben unten fest, und in wenigen Augenblicken war Obu, mit den Händen sich an dem quer gespannten Seil haltend, hinüber auf den Baumast geturnt, schlang dann das Seil noch einige Mal um den Ast und rutschte hinunter.

Nun kletterten kleine und große Knaben, einer nach dem anderen, hinauf, hinunter und schwangen sich daran von den unteren Ästen der Eibe weit über den Platz hin zu dem Elsen und wieder zurück.

Eben war die Reihe an Rulaman, als der Rabe, der bis dahin, als ob er den eifrigsten Anteil nähme, die Knaben bei ihren Übungen umflattert hatte, sich krächzend auf einen der höchsten Äste der Eiche erhob, der weit über den Abgrund kahl hinausreichte.

Wieder rief Obu, der mit verschränkten Armen am Eingang der Höhle lehnte, spöttisch Rulaman zu: „Auf, kleiner Häuptling! Wenn du zum Raben hinauf fliegst und ihn herunterholst, küsse ich dir die Füße!“ Das bedeutete: Ich will dir untertänig, dein Knecht sein.

Rulaman war betroffen und sah zornig zu Obu hinüber. Alle Knaben blickten erwartungsvoll nach ihm, ob er den waghalsigen Flug durch die Luft machen würde. Er besann sich einen Augenblick, dann mit einem langen Absprung schwang er sich an dem Seil auf einen der niederen Äste der Eibe, und von hier mit einem gewaltigen Schwung flog er in der Tat an dem Seil, quer über den ganzen Platz, hoch auf den Eichenast zu dem Raben und ließ sich sicher und ruhig wie ein Adler über dem Abgrund auf dem Ast nieder.


Rulaman und Obu

Atemlos starrten die Knaben hinauf.

Auch die Weiber waren aufmerksam geworden; sie kreischten laut, als sie den Knaben oben in der schwindelnden Höhe sahen. Nur die alte Parre rief freudig aus: „Abargan, Abargan!“ und klatschte lustig in die Hände.

Der Rabe war abgeflogen, kehrte aber auf den Ruf Rulamans gehorsam auf seine Schulter zurück. So kam dieser mit dem Raben, der flatternd sich an seinem Herrn festkrallte, in einem weiten Schwung an dem Seil glücklich wieder unten am Fuß der Eibe an.

Er trat vor Obu hin und sagte trotzig und stolz: „Küsse mir die Füße!“ Und Obu tat es.

Da ergriff ihn Rulaman bei der Hand und richtete ihn auf, denn es tat ihm leid, dass der große Jüngling vor ihm kniete.

Er holte seinen Eibenbogen, den er lieb hatte, gab ihn Obu und sagte: „Nimm ihn von mir und gib mir deinen.“ Solch ein Waffenaustausch war ein Zeichen inniger Freundschaft, und von Stund an war Obu unzertrennlich von ihm. Rulaman hatte seinen Feind nicht nur besiegt, sondern einen Freund in ihm gewonnen für Leben und Tod.

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